Karatedo-Speziallehrgang in Altaussee
22.07.2012

Karatedo-Speziallehrgang in Altaussee

An diesem Wochenende fand in der wunderbaren Naturregion rund um Altaussee ein Karatedo-Lehrgang der besonders intensiven Art statt.
Eine kleine Gruppe von 25 Karateka traf sich im JUFA-Heim in Altaussee, um gemeinsam und intensiv unter Leitung von Sensei Stefan Mayr Karatedo zu üben.
Nach der individuellen Anreise und dem Check-in im Hotel startete um 16 Uhr das erste Training. Mehr als zwei Stunden wurde gemeinsam Kihon, Kata mit Bunkai und Kumite trainiert.

Ein Schwerpunkt dieses Intensiv-Lehrganges war die Beschäftigung mit einer wenig bekannten, aber sehr guten Kihon-Basisübung, der Ten No Kata (Kata des Universums). Wie bei einer Kata üblich, werden einzelne Technik-Sequenzen in der Grundform nach vorne oder rückwärts ausgeführt. Besonders wichtig dabei ist, die korrekte Ausführung und vor allem die notwendige mentale Ausrichtung. Denn obwohl die Übungen leicht aussehen und jede für sich bereits vielfach geübt wurde, ist es bei jeder einzelnen Ausführung eine Herausforderung, die exakte Stellung einzuneh- men, den Blick nach vorne zu richten, die Hüfte richtig einzusetzen oder die richtige "mentale Stellung" einzunehmen. Ten-No-Kata ist die einzige Kumite-Kata in der Reihe der Shotokan-Kata. Sie wurde von Gichin Funakoshi und seinem Sohn Yoshitaka ca. 1930 entwickelt. Sie besteht aus zwei Teilen, die sich ergänzen: der Omote-Teil, der vom Ausführenden alleine geübt wird und dem ura-Teil, der mit dem Partner in Form von Kihon-Ippon-Kumite ausgeführt wird. Die Kata enthält die gesamte alte Philosophie des Karatedo: Ikken hitassu (...mit einem Schlag töten...): das Ziel nach dieser alten Philosophie war es, durch jahrelanges hartes Training Körper und Geist so zu entwickeln, dass es dem Kämpfer möglich wurde, im entscheidenden Augenblick all seine Energie in den einen finalen Treffer zu lenken, um somit den Kampf gegen einen augenscheinlich überlegenen Gegner doch zu bestehen.

Den zweiten Schwerpunkt des Lehrganges bildeten die Shotokan-Grund-Kata, Heian Shodan bis Heian Sandan. Ein wesentliches Prinzip des Karatedo besteht ja auch darin, seinen Geist zu befreien, was nichts anderes bedeutet, als das die Techniken in jeder Situation "ohne nachdenken zu müssen" zielgerichtet und der Lage angepasst eingesetzt werden. Regel Nr. 6 aus dem Shoto-Niju-kun, "Kokoro wa hanatan koto wo yosu", ...lerne, deinen Geist zu kontrollieren, und befreie ihn dann von Unnützem...drückt das sehr treffend aus. Durch die gewählte Übungsart - die Kata wurden jeweils omote, ura, ko und ko-ura ausgeführt - wurde den Karateka ein Weg zur Befreiung des Geistes offenbart, der den meisten deutlich zeigte, wie sehr man eigentlich am Gewohnten hängt und wie schwierig es ist, sich davon zu lösen. Doch zeigte sich am Ende des Lehrganges, daß es für jeden Deshi leicht möglich ist, diese "Befreiung" zu erleben, alleine wenn er sich nur auf diesen Weg der Übung einlässt.
Eine ausgezeichnete Erweiterung dieser Formübungen brachte dann noch das intensive Studium des Bunkai. Die Anwendungsmöglichkeiten, die alleine den Heian-Kata innewohnen sind zahlreich und vielfältig. In den drei Tagen wurden eine Fülle von Abwehr- und Gegenangriffstechniken erarbeitet und oftmals geübt. Hier zeigte sich besonders deutlich, wie wichtig die richtige Distanz (maai), die korrekte Körperposition und vor allem die mentale Einstellung für eine wirksame Anwendung im Bunkai sind.

Der dritte Schwerpunkt des Wochenendes lag im vertieften Studium der Kata Chinte (seltene Hand) und Jitte (zehn Hände).
Chinte hat den vermutlichen Ursprung in sehr selten angewendeten Angriffs- und Kontertechniken auf Vitalpunkte (Augen, Nase, Rippen). Die Kata ist chinesischen Ursprungs, Entstehungsort und Überbringer nach Okinawa sind aber unbekannt. Die Legende erzählt, daß ein chinesischer Gesandter sie auf Okinawa gelehrt haben soll, doch daß er sie in China nicht vollständig gemeistert hatte. Weil er einen Teil vergessen hatte, wies er seine Schüler an, mit einigen kleinen Sprüngen zum Ausgangspunkt zurückzukehren und versprach bei seiner Rückkehr seinen Meister nach den vergessenen Endtechniken zu fragen. Doch er heiratete auf Okinawa und kehrte nie mehr nach China zurück - aus diesem Grund werden auch heute noch die drei Sprünge am Ende der Kata ausgeführt.
Jitte stammt aus der Tomari-Gegend und ist über diesen Wege ins Shuri-te und ins Shotokan gelangt und hat vermutlich Zusammenhänge mit Jion und Jiin. Die Kata enthält augenscheinlich nur Abwehrtechniken (vor allem auch gegen Bo) und legt besonderen Wert auf die Koordination von Hüft- und Extremitätenbwegungen, sowie auf die Positon der Ellbogen in den Endstellungen.
Sensei Mayr übte mit uns auch eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten, die diese Kata beinhalten.

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, welche Ideen und Konzepte der Kampfkunst die Kata enthalten und vor allem auch zu erkennen, daß man - wie weiter oben schon beschrieben - wirklich daran arbeiten muß, seinen Geist zu befreien, damit sich diese Tiefe des Karatedo erschliessen läßt...wenn man diese Herausforderung an sich selbst nicht annimmt, dann verletzt man eigentlich die Regel Nr. 20 des Shoto-Niju-Kun:Tsune ni shinen kufu seyo..."Denke immer nach und versuche dich ständig am Neuen". Diese Einstellung ist es, die den Karateka auf seinem Weg weiterbringt und solche Lehrgänge tragen ganz wesentlich dazu bei - ein herzliches Dankeschön an Sensei Stefan Mayr, der uns diese Breite und Tiefe an diesem Wochenende ermöglicht hat!

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